Nippon Connection 2016: Miss Hokusai, Love & Peace, Ryuzo and the Seven Henchmen

Die Nippon Connection in Frankfurt am Main ist das größte Festival für japanische Filme außerhalb Japans. Nicht nur deshalb ist es eine ziemlich bemerkenswerte Veranstaltung, die auch dieses Jahr vom 25. bis 29. Mai stattfand. Seit dem Jahr 2000 bietet sie seinen Besuchern jedes Jahr neben einer großen Bandbreite an aktuellen und klassischen japanischen Langfilmen, Kurzfilmen, Dokumentationen und Animationsfilmen ein buntes Programm aus Live-Perfomances, Workshops, Filmemachergesprächen, kulinarischen Genüssen, (Video-)Spielen und anderer Formen des vergnüglichen Zeitvertreibs, die die japanische Kultur repräsentieren. Die Gäste, die hier ihre Werke vorstellen, werden nicht müde, in ihren Reden hervorzuheben, mit wie viel Wärme sie empfangen werden und wie viel Enthusiasmus alle Beteiligten an den Tag legen.

Ich habe eine große Schwäche für die japanische Kultur — und nicht nur, weil ich schon als Kind praktisch jeden Nachmittag auf RTL2 Digimon, Dragon Ball und Co. schaute. Dennoch hatten meine Erfahrungen mit japanischem Film selten über bekannte Animationsklassiker wie die aus dem Hause Ghibli hinausgereicht. Besonders eng nahm ich mir stets selbst, dass ich noch nie eines der Werke zweier Größen des derzeitigen japanischen Kinos gesehen hatte: Takeshi Kitano und Sion Sono. Das wollte ich während dieses Festivals endlich ändern und machte mich fleißig ans Filmegucken.

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Anfangen möchte ich jedoch mit der Besprechung des Animationsfilmes ‘Miss Hokusai’.  Von diesem versprach ich mir auf Grundlage des Trailers einiges — zumal er sogar am 16. Juni diesen Jahres einen bundesweiten Kinostart spendiert bekommt — und das ist in Deutschland für japanische Filme eher die Ausnahme, außer sie kommen aus dem erwähnten Studio Ghibli oder von einem der genannten Regisseure. ‘Miss Hokusai’ spielt im Tokyo bzw. Edo des frühen 19. Jahrhunderts und erzählt aus dem Leben der Tochter eines der bekanntesten japanischen Künstler, ebenjenen Hokusai. Er fokussiert sich dabei besonders auf das Verhältnis zu ihrem berühmten Vater und darauf, wie sie mit dessen eigentümlicher Art zurechtzukommen versucht, unter seinen Fittichen selbst das Handwerk des Malens erlernt und damit zu kämpfen hat, währenddessen ein halbwegs normales Sozialleben zu führen. Regisseur Keiichi Hara berührt dabei viele verschiedene Themen und führt eine ganze Anzahl interessanter Charaktere und entsprechender Nebenplots ein, was viele Erwartungen schürt und mich wirklich neugierig machte — doch leider werden diese Fäden nur zum Teil zu Ende geführt, andere verlaufen im Nichts. Was der Film wirklich großartig macht, ist den Film mit wunderschönen, lebendigen Animationen und ebenjenen interessanten Nebencharakteren das damalige Edo zum Leben zu erwecken — ich wäre am liebsten direkt durch die Leinwand gesprungen um mich in das Getümmel zu stürzen oder auf einer der Brücken zu verweilen und das bunte Treiben zu verfolgen. Denn obwohl der Film zeitweise etwas ins Surreale abdriftet, erschaffen die FIlmemacher auch mithilfe der historischen Aspekte eine glaubwürdige Welt. Auch die Hauptfigur ist interessant genug, um als Zuschauer emotional investiert zu sein, jedoch leidet der Charakter darunter, dass die Geschichte viele ihrer “emotionalen Baustellen” unbefriedigend auflöst. Und das ist es, was diesen wirklich hübschen und lebendigen Animationsfilm davon abhält, ein kleines Meisterwerk zu sein. Trotzdem mochte ich den Film und würde ihn jedem, der sich für japanische Kultur und Geschichte interessiert, wärmstens empfehlen.

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Als nächstes kam nun endlich meine erste Erfahrung mit einem Sion Sono-Film: ‘Love & Peace’. Anders, als der Titel vermuten lässt, handelt es sich hierbei nicht um eine Schmonzette, sondern eine beißende Satire auf die Unterhaltungsindustrie und das Verlangen nach Berühmtheit in der heutigen Gesellschaft. Die Hauptfigur ist ein stereotypischer Loser ohne Freunde und mit der Sehnsucht nach einer großen Karriere als Rockstar. Ausgerechnet eine Schildkröte soll ihm schließlich dabei helfen, seine Träume wahr werden zu lassen. Für wen sich das schon verrückt anhört, der wird sich im Laufe der knapp zwei Stunden das eine oder andere mal verwundert die Augen reiben. Der Film sprüht nur so vor Kreativität und lebendigen Bildern, die die abstruse Geschichte angemessen visuell umsetzen — diese wird in einem durchgängig hohen Tempo erzählt, sodass man als Zuschauer kaum dazu kommt, das Gesehene zu verarbeiten und sacken zu lassen — vermutlich eine gute Sache, denn allzu viel Logik sollte man nicht erwarten. Die Szenen einer bestimmten wichtigen Nebengeschichte erinnern mit ihren Charakteren an die Augsburger Puppenkiste und hauten mich mit ihrer Liebe zum Detail echt vom Hocker. Da die nominelle Hauptfigur eher unsympatisch ist, dienen diese Szenen aufgrund hier aus Spoilergründen nicht näher zu erläuternder Ursachen als emotionales Herzstück des Films. Man wird am Ende von ‘Love & Peace’  eine wunderbare Odyssee der Verrücktheit hinter sich haben, die das eine oder andere Mal überrascht und einem mit ihren wahnwitzigen Bildern und Ideen mit Sicherheit nicht so schnell aus dem Kopf geht. Ich für meinen Teil bin angefixt und werde mir mit Sicherheit mehr von Sion Sonos Werken anschauen.

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Etwas ruhigere aber nicht minder amüsante Töne schlägt Takeshi Kitano mit seiner Ensemble-Komödie ‘Ryuzo and the Seven Henchmen’ ab. Hier tut sich eine Gruppe unverbesserlicher (Ex-)Yakuza zusammen, um der jungen Generation des organisierten Verbrechens nochmal zu zeigen, wo der Hammer hängt — und sich selbst, dass sie es noch drauf haben. Unzählige Slapstick-Einlagen und Alte-Leute-Witze begleiten diese Komödie, die Themen berührt wie den Generationenkonflikt und die Folgen, die Kriminalität auf die zwischenmenschlichen Beziehungen von Menschen haben kann. Vor allem aber zeigt uns Kitano, dass sich selbst hinter der stursten und verbohrtesten Fassade ein weicher Kern verbirgt. Wer hier nach komplexen Charakterentwicklungen sucht, wird enttäuscht werden — doch die Alte-Leute-Witze und immer wieder auftretenden abstrusen und unterhaltsamen Situationen funktionieren auch beim zwanzigsten Mal. Die Darsteller hauchen ihren schrulligen Charakteren mit sympatischen Ticks und Macken genug Leben ein, um die Zuschauer — trotz ihrer kriminellen Energie — auf ihre Seite zu ziehen. Man fiebert daher mit ihnen mit, fragt sich am Ende aber vielleicht, warum eigentlich. Da hätte ich mir doch eine etwas befriedigendere Schlusspointe gewünscht. Dennoch handelt es sich um eine sehr unterhaltsame Komödie, die für zahlreiche Lacher sorgt.

Abschließend kann ich sagen, dass ich die Nippon Connection dieses Jahr wieder sehr gelungen fand, einige interessante Filme gesehen habe und mich schon jetzt auf das nächste Mal freue!